Die Forderung nach aufrichtiger Information für eine vertrauensvolle Demokratie

Verhaltensstandards für den Journalismus als Lösung für das Misstrauen der Bürger?

Aurélien BREST

Den Journalistenberuf ethischer und transparenter machen: Dieser Mission haben sich die von Reporter ohne Grenzen (RSF) gelenkte Journalism Trust Initiative und das von der amerikanischen Journalistin Sally Lehrman geleitete Trust Project angenommen. Diese Initiativen wurden 2017 ins Leben gerufen und stellen zwei Ansätze dar, journalistische Verhaltensgrundsätze im Medienbereich zu verankern und zu standardisieren.  

Kontext

Die Medienlandschaft befindet sich in einer vielschichtigen Krise. Zur Krise ihres Wirtschaftsmodells, die teilweise auf die Deregulierung des Informationsmarktes im Internet zurückzuführen ist, kommt eine Vertrauenskrise hinzu. Die Verbreitung falscher Informationen durch bestimmte Medien trägt zu diesem Vertrauensschwund bei, der die gesamte Medieninstitution betrifft.

Auch wenn die Situation neu ist, stammen diese Schwierigkeiten nicht von heute. Deontologische Richtlinien werden regelmäßig als Lösung für die von der Presse durchlebten Krise erwähnt. Nach dem Ersten Weltkrieg, der durch enorme Staatspropaganda gekennzeichnet war, verabschiedet die französische Nationale Journalistengewerkschaft (SNJ) im Sommer 1918 eine berufsethische Charta, die Charte d’éthique professionnelle des journalistes. Mit dieser Charta soll einer Reihe von Skandalen, in die Journalisten verwickelt sind, ein Ende gesetzt und die Unabhängigkeit des Berufsstands angesichts der Vereinnahmung der Presseorgane durch reiche Industrielle geschützt werden. 

Die 80er Jahre markieren laut Jean-Marie Charon, Mediensoziologe, eine Wende in der kritischen Reflexion über den Journalismus. Das Jahrzehnt ist von einer Veränderung des Berufsstands geprägt, mit dem Aufschwung des Privatfernsehens sowie der Entwicklung neuer, im ersten Golfkrieg getesteter Kommunikationstechniken. Auf diese Zeit geht die Entstehung von Reporter ohne Grenzen (RSF) zurück, wie auch des Barometers von Kantar/La Croix über das Medienvertrauen, sowie die Verabschiedung zahlreicher ethischer Chartas durch die Medien.  

Ende 2019 erfolgte die Einrichtung des Deontologierates Conseil de déontologie journalistique et de médiation (CDJM) durch eine Gruppe von Institutionen des Berufsstands, die im Observatoire de la déontologie de l’information (A. d. Ü.: eine Beobachtungsstelle für Informationsethik) vereint sind. Dazu gehört auch die Nationale Journalistengewerkschaft. Seine Gründung steht im Zusammenhang mit der oben erwähnten Krise. Das Observatoire de la déontologie de l’information bietet mit diesem Rat eine Antwort „auf die Vertrauenskrise in der Öffentlichkeit bezüglich der Medien und auf die Versuche der Informationsmanipulation“1. Dieser Rat würde bestimmen, „was zur Berichterstattung gehört und was in den Bereich der freien, aber nicht informativen Meinungsäußerung fällt“2. Der Conseil de déontologie journalistique et de médiation kann von jedem in Bezug auf Fragen journalistischer Ethik angerufen werden, seine Stellungnahmen sind jedoch ohne Rechtskraft. In einem am 29. November 2019 veröffentlichten offenen Brief haben sich zahlreiche Journalisten gegen das Projekt ausgesprochen. Die Unterzeichner werfen ihm vor, auf Betreiben von staatlichen Stellen eingerichtet worden zu sein, was von ihnen als Verletzung der für eine solche Institution notwendigen Unabhängigkeit gesehen wird.

In dieser Zeit der Umwälzungen setzen die Journalism Trust Initiative und das Trust Project darauf, dass ein Prozess zur Aufstellung von auf zentralen Werten des Journalismus aufbauenden Standards dabei helfen könnte, das Vertrauen zwischen den Medien und der Öffentlichkeit wiederherzustellen.                

Die Initiative für Vertrauen in den Journalismus

Die Initiative für Vertrauen in den Journalismus (Journalism Trust Initiative, JTI) verfolgt das Ziel, die Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit und Informationsvielfalt durch die Erschaffung eines Systems von Standards zu schützen, dem sich interessierte Medien durch eine öffentliche Erklärung anschließen können. Sie setzt sich, auf Anregung von RSF, aus einer Reihe von Akteuren aus der Medienlandschaft zusammen: Journalisten, die Online-Plattformen Facebook und Google, staatliche Behörden und Nichtregierungsorganisationen.

Die JTI schreibt dem Journalismus fünf grundlegende ethische Kriterien zu: Exaktheit, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Ausgewogenheit und Transparenz.

Die JTI schreibt dem Journalismus fünf grundlegende ethische Kriterien zu: Exaktheit, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Ausgewogenheit und Transparenz. Ausgehend von diesen fünf Säulen hat sich das Konsortium unter der Leitung des CEN (Europäisches Komitee für Normung) in Workshops mit der Aufstellung einer Reihe von Kriterien befasst, die zu journalistischen Standards werden sollen. Bereichert wurde der Prozess durch die Organisation öffentlicher und freiwilliger Konsultationen. Der fünfte Workshop fand 2019 statt und bildet den Abschluss dieser Ausarbeitungsphase.  

Die JTI tritt nunmehr in die Normungsphase ein. Ab August 2020 können die Mitglieder der JTI ihre Zertifizierung beantragen. Mit diesem Mechanismus wird ein echter Standardisierungsprozess für die Presse bezweckt. Der Zertifizierungsprozess würde von der ISO (Internationale Organisation für Normung) gesteuert. Dritte Stellen würden dann damit beauftragt, die Übereinstimmung des Mediums mit sämtlichen Standards der JTI zu begutachten. Diese Zertifizierungsstellen würden ihrerseits von unabhängigen Gremien akkreditiert, die dem IAF (International Accreditation Forum) angehören. Das Forum kontrolliert und begutachtet die Kompetenz und Unparteilichkeit der Zertifizierungsstellen.  

Dieses Zertifikat könnte in die Algorithmen der Online-Plattformen implementiert werden und somit die Sichtbarkeit dieser Medien gegenüber einer nicht zertifizierten Konkurrenz erhöhen. Es soll auch dazu dienen, Sponsoren und Werbeeinnahmen anzuziehen: Mit der Wahl eines JTI-zertifizierten Mediums können die Finanzpartner ihre Unterstützung einer zuverlässigen und vertrauenswürdigen Medienlandschaft geltend machen.  

Die JTI strebt die Anerkennung dieser Standards durch alle Akteure an, die potenziell „Information zusammentragen, erstellen und verbreiten“3, um damit den Bürgern die Fähigkeit zu verleihen, „vollständig an der Gesellschaft teilzunehmen“4. Sie nimmt somit eine internationale Ausrichtung ein, indem sie sich auf den europäischen Normungsmechanismus des CEN stützt.  

Bestehende Fragen

Bislang gibt es keine detaillierte Einschätzung der Auswirkung der Zertifizierung nach den von der JTI festgelegten Kriterien. Insbesondere weiß man nicht, ob die Medien für ihre Zertifizierung alle von der JTI geförderten normativen Kriterien umsetzen müssen. Ebenso wenig, wie die verschiedenen Kriterien gegebenenfalls in den Referenzierungsalgorithmen der Online-Plattformen gewichtet werden.

Das Trust Project

Das Trust Project geht ebenfalls von der Feststellung aus, dass eine ernste Krise durch die Medienwelt geht. An der sich in der Ausarbeitungsphase befindenden Initiative beteiligt sich ein Konsortium aus Medienorganisationen (darunter El Pais, The Washington Post) und Online-Plattformen (Google, Facebook, Microsoft).

Das Trust Project schlägt gegenwärtig acht Vertrauensindikatoren vor, deren Einhaltung durch ein „Trust Mark“-Logo belohnt wird. Diese Indikatoren sind dazu bestimmt, in die Referenzierungsalgorithmen von Google, Facebook und Microsoft einzufließen, um die ausgezeichneten Medien in den Vordergrund zu stellen.  

Im Unterschied zu den von der JTI vorgeschlagenen normativen Kriterien, die sich auf die Organisation und Führung des Medienunternehmens konzentrieren, empfiehlt das TP direkt auf den journalistischen Inhalt anzuwendende Kriterien. So gibt es beispielsweise ein Kriterium „Zitate und Referenzen“, das anzeigt, ob die benutzten Referenzen im Artikel erwähnt werden. Ein Medium wird somit das „Trust Mark“-Siegel beanspruchen und anschließend an die von ihm erstellten oder gehosteten Artikel vergeben können, wenn es die acht vorgeschlagenen Kriterien erfüllt.  

Die Zusammenarbeit mit Facebook, Google und Microsoft soll eine größere Sichtbarkeit der mit dem „Trust Mark“ ausgezeichneten Medien im Internet garantieren.

Die acht Indikatoren erscheinen vorerst als beschreibende Empfehlungen in Verbindung mit Beispielen aus existierenden Medien. Jeder Indikator besteht aus einer Reihe von Hinweisen, an die sich jedes Medium halten muss, um das Siegel zugesprochen zu bekommen. Die acht Kriterien sind im Einzelnen auf der Website des Trust Project einsehbar. 

Bestehende Fragen

Das Trust Project befindet sich noch in der Entwicklungsphase und steht daher nicht allen Medien zur Verfügung. Unsicherheit besteht noch über den Überprüfungsprozess hinsichtlich der Einhaltung der acht Kriterien, die Recht auf das Siegel verleihen. Vorläufig haben nur die am Projekt beteiligten Medien die Möglichkeit, das Siegel zu benutzen.  

Die Unterschiede zwischen der JTI und dem TP  

Der wesentliche Unterschied zwischen der JTI und dem TP besteht in der Funktionsweise der beiden Konsortien. Das TP funktioniert gegenwärtig auf der Basis von Kooperation in Form von Arbeitsgruppen. Die JTI basiert ebenfalls auf Zusammenarbeit, strebt jedoch die Umwandlung dieser Indikatoren in echte internationale Standards an, wobei der Prozess jedem offiziell anerkannten Normentwurf gleichkommen würde. Beide Projekte verfolgen demnach recht verschiedene Methoden.  

Außerdem schließt das Trust Project im Gegensatz zur JTI nicht die Umsetzung von standardisierten Abläufen ein, um den vorgeschlagenen normativen Kriterien zu entsprechen. Während zum Beispiel die JTI zur Gewährleistung der Faktengenauigkeit die Einführung von „internen, über einen systematischen Redaktionsprozess angewendeten Regeln”5 empfiehlt, verlangt das TP von dem entsprechenden Medium eine öffentliche Erklärung auf dessen Website mit dem Vermerk, dass die Fakten mit Exaktheit dargestellt werden. Diese Erklärung wird durch die Mitwirkung des Mediums im Konsortium garantiert, das für die Überprüfung der Konformität sorgt. Es handelt sich bei dem vom TP erteilten Vertrauensindikator also um eine Zuerkennung durch die Fachkollegen. Bei der JTI liegt die Sache anders: Jedes Medium wird einen unabhängigen Akkreditierungsprozess durchlaufen müssen.  

Weitere Initiativen weltweit  

Im Vereinigten Königreich gab es eine umfassende Debatte um den Leveson-Bericht (in Auftrag gegeben nach der Aufdeckung illegaler Abhörmethoden eines Medienkonzerns). Der 2012 veröffentlichte Bericht schlug die Einrichtung einer Kommission zur Presseregulierung vor. Diese könnte, derselben Logik wie das Trust Project folgend, an alle bereitwilligen Medien, die die von der Kommission geförderten Kriterien erfüllen, ein Logo vergeben. 2014 entstand zur Umsetzung der Empfehlungen des Berichts das Press Recognition Panel (PRP), gefolgt 2016 vom Independent Monitor for the Press (IMPRESS). Das PRP fungiert als unabhängige Akkreditierungsinstanz und erkennt IMPRESS als die normative Referenz für die Zertifizierung der Journalismusmethoden im Vereinigten Königreich an.  

Dieser Ansatz ist hinsichtlich seines Normungsprozesses mit der Journalism Trust Initiative (JTI) vergleichbar, wurde jedoch von den führenden britischen Pressekonzernen nicht anerkannt.  

Eine zweite Initiative, die Independant Press Standards Organisation (IPSO), an der sich zahlreiche Medien beteiligten, strebte jedoch nicht die Anerkennung durch das PRP an, da die Mitglieder der IPSO diesem Regulierungsgremium mangelnde Unabhängigkeit vom Staat vorwerfen.  

Die Situation ist also komplex und einige der wichtigsten britischen Medien haben es bisher vorgezogen, sich mit internen Selbstregulierungsmechanismen auszustatten. So zum Beispiel der Guardian, die Financial Times und der Independent.  

Zu bemerken sei, dass die IPSO dem JTI-Konsortium angehört und an der Ausarbeitung der fünften und letzten Arbeitsgruppe teilgenommen hat.  

Schlussfolgerung

Die vom Trust Project vertretene Vorstellung von Journalismus ähnelt deutlich der von der Journalism Trust Initiative geförderten Vision. Die Werte dieser Initiativen kommen auch den durch die Charte d’éthique professionnelle des journalistes verfochtenen Werte nahe: Exaktheit, Integrität, Transparenz, Unparteilichkeit, Fehlerberichtigung, Unabhängigkeit. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass das Trust Project und die Journalism Trust Initiative in einem Kontext, wo das Internet immer mehr zur Informationsquelle der Bürger wird, danach streben, über die Journalisten hinaus auch die Medienorganisationen zu binden. Es geht darum, die Medien zur Übernahme dieser Standards über die Zusammenarbeit mit Facebook, Google und Microsoft zu bewegen. Dies würde ihnen eine größere Sichtbarkeit im Internet gegenüber der Konkurrenz garantieren. Im Gegenteil dazu riskieren Medien, die nicht kooperieren, im Hintergrund zu landen. Auch wenn noch keines der beiden Projekte zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen ist, wünscht doch jeder diese Kooperation mit den Riesen des Digitalmarktes einzugehen. Das Trust Project wird bereits von 126 Informationswebsites genutzt. Die Journalism Trust Initiative ihrerseits dürfte ihre Standards im Laufe des Jahres 2020 zur Anwendung bringen.  

Zur Vertiefung:

Charon, J. M. (2003). L’éthique des journalistes au XXe siècle. Le Temps des médias, (1), 200-210.

https://blogs.mediapart.fr/la-sdj-de-mediapart/blog/291119/conseil-de-deontologie-pourquoi-nous-n-y-participerons-pas

https://www.theatlantic.com/technology/archive/2017/05/what-people-really-want-from-news-organizations/526902/

Sprachen :  Deutsch 
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