Die Forderung nach aufrichtiger Information für eine vertrauensvolle Demokratie

Falsche Ideen, gefälschte Informationen und die Logik der Denkweise zum Schutz der Identität

07/05/2020

Synthese eines wissenschaftlichen Artikels, die von der Fondation Descartes hergestellt wurde:

Kahan, D. M. (2017). Misconceptions, misinformation, and the logic of identity-protective cognition.
Kahan, Dan M. (2015) What Is the « Science of Science Communication »? Journal of Science Communication, 14(3), 1-10.

Dieser Artikel aus dem Jahr 2017 ist eine vorbereitende Arbeit, die der Forscher in Sozialwissenschaften Dan Kahan vorgeschlagen hat, um seine Theorie der „identity-protective cognition“, die mit „Denkweise zum Schutz der Identität“ übersetzt werden kann, vorzustellen. Die Idee ist einfach: Individuen würden dazu neigen, Überlegung in erster Linie zur Verteidigung der Meinungen der kulturellen Gruppe, mit der sie sich identifizieren, zu entwickeln, anstatt nach der Wahrheit zu suchen. Diese Theorie wird viel besprochen, da sie wichtige Konsequenzen für die aktuellen Debatten über Wissenschaftskommunikation, für die Möglichkeit, die Qualität der öffentlichen Debatte zu verbessern, und für den Erfolg von Fake News hat.

Einführung

Kahans Theorie stützt sich auf ein grundlegendes Postulat: Denkweise beruht weniger auf der Suche nach Wahrheit als auf dem, was er „Kultur“ nennt. In dieser Theorie entspricht die „Kultur“ der Gesamtheit der Überzeugungen, Meinungen und Darstellungen, die die Wahrnehmung der Welt und der Gesellschaft vom Individuum prägen. Individuen, die gemeinsame Darstellungen teilen, bilden eine „kulturelle“ oder „identitäre Gruppe“. Für das Individuum ist die Basis des gemeinsamen Glaubens seiner Gruppe ein wesentlicher Aspekt seiner Identität – deshalb muss sie allem und jedem zum Trotz verteidigt werden.

Kahans Theorie stützt sich auf ein grundlegendes Postulat: Denkweise beruht weniger auf der Suche nach Wahrheit als auf dem, was er „Kultur“ nennt. In dieser Theorie entspricht die „Kultur“ der Gesamtheit der Überzeugungen, Meinungen und Darstellungen, die die Wahrnehmung der Welt und der Gesellschaft vom Individuum prägen. Individuen, die gemeinsame Darstellungen teilen, bilden eine „kulturelle“ oder „identitäre Gruppe“. Für das Individuum ist die Basis des gemeinsamen Glaubens seiner Gruppe ein wesentlicher Aspekt seiner Identität – deshalb muss sie allem und jedem zum Trotz verteidigt werden.

Zur Unterstützung seiner Theorie beschreibt Kahan ein Experiment, das er 2011 mit seinen Kollegen durchgeführt hat. In diesem Experiment wurden die Teilnehmer mit dem Standpunkt eines „Experten“ zu einem in der amerikanischen Gesellschaft spaltenden Thema konfrontiert: Klimawandel. Der Experte konnte zwei verschiedene Analysen des Klimawandels geben: (1) es gibt einen wissenschaftlichen Konsens zur globalen Erwärmung; (2) es ist verfrüht und übertrieben zu behaupten, dass es einen wissenschaftlichen Konsens in dieser Frage gibt. Die Ergebnisse sind eindeutig: je konservativer und republikanischer (im amerikanischen Sinne des Wortes) die Teilnehmer sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie den Experten mit dem ersten Standpunkt disqualifizieren. Im Gegenteil neigen diese konservativen Teilnehmer dazu zu behaupten, dass die Person mit der zweiten Analyse tatsächlich ein Klimaexperte ist. Wenn liberale (noch im amerikanischen Sinne) Teilnehmer den Experten auf der Grundlage seiner Rede bewerten, stehen die gegebenen Antworten fast symmetrisch im Gegensatz zu denen der Konservativen. Die Individuen würden also eher ein ideologisches als ein faktisches Verhältnis zur wissenschaftlichen Expertise haben.

Kahan zeigt auch, dass die Wahrnehmung des Klimastörungsrisikos vom kognitiven Hintergrund der Teilnehmer beeinflusst wird, allerdings auf eine Art, die paradox erscheinen kann: Je mehr wissenschaftliche Kenntnisse die Teilnehmer haben, desto mehr gehen ihre Meinungen über die globale Erwärmung ins Extreme ihrer parteiischen Ausrichtung. So sind die Demokraten mit guten wissenschaftlichen Kenntnissen die Teilnehmer, die in der Klimastörung das größte Risiko sehen. Im Gegensatz dazu sind die Republikaner mit einem besseren wissenschaftlichen Hintergrund als andere diejenigen, die die globale Erwärmung am meistens für ein geringes Risiko halten.

Kahan behauptet, dass diese Ergebnisse nur dann überraschend sind, wenn wir davon ausgehen, dass wir unseren Verstand benutzen, um die Wahrheit über umstrittene Fragen zu suchen. Dieses Postulat ist aber, seiner Meinung nach, falsch. In der Tat würden wir vor allem unsere Denkfähigkeiten in den Dienst der Verteidigung von Meinungen stellen, mit denen wir tief verbunden sind.

Kahan analysiert die Ergebnisse einer anderen Studie von Allcott und Gentzkow (die wir auf dieser Website zusammengefasst haben) in Anbetracht seiner Theorie der Denkfähigkeit in den Dienst der Verteidigung der Meinungen unserer Kulturgruppe. In dieser Studie berichten die beiden Autoren über das Auftauchen und den Erfolg von Fachmedien bei der Verbreitung von Fake News durch den Appetit der Verbraucher auf Informationen, die ihren Meinungen entsprechen, unabhängig von ihrem Wahrheitswert. Für Kahan wird das Online-Medienumfeld also um ein „motiviertes Publikum“ organisiert: Individuen sind an Informationen interessiert, die in die Richtung von dem, was sie für gut halten, gehen, und opportunistische Medien geben ihnen unter Missachtung der journalistischen Ethik das, was sie hören wollen. Es bedeutet auch, dass gefälschte Nachrichten nichts in der Meinung der Menschen ändern. Zum Beispiel hatten die Personen, die pro-republikanische Fake News in der Studie von Allcott und Gentzkow verbraucht haben, wahrscheinlich bereits ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2016 ausgewählt.

Diese Instrumentalisierung von Wissenschaft und Information zu Gunsten der Ideologie könnte diejenigen entmutigen, die glauben, dass Wissenschaft die Meinung zu mehr Objektivität führen kann. Kahan teilt diese Ansicht nicht. Er plädiert eher für einen grundlegenden Wandel in der Wissenschaftskommunikation. Wenn die Debatte heute so polarisiert wird, ist es, der Theorie der kulturellen Verteidigung nach, weil bestimmte Themen wichtige Fragen für klar festgelegte ideologische Positionen darstellen. Daher meint Kahan, dass die Wissenschaftskommunikation entpolitisiert werden sollte, damit sie von den verschiedenen Gruppen der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr als eine Bedrohung angesehen wird. In einem zweiten Artikel schlägt er also eine Wissenschaftskommunikationsmethode vor, um die objektiven Aspekte der wissenschaftlichen Ergebnisse vorzustellen, ohne dass diese Ergebnisse die Identität einer kulturellen Gruppe öffentlich infrage stellen.

Kahans Theorie stützt sich auf ein grundlegendes Postulat: Denkweise beruht weniger auf der Suche nach Wahrheit als auf dem, was er „Kultur“ nennt. In dieser Theorie entspricht die „Kultur“ der Gesamtheit der Überzeugungen, Meinungen und Darstellungen, die die Wahrnehmung der Welt und der Gesellschaft vom Individuum prägen. Individuen, die gemeinsame Darstellungen teilen, bilden eine „kulturelle“ oder „identitäre Gruppe“. Für das Individuum ist die Basis des gemeinsamen Glaubens seiner Gruppe ein wesentlicher Aspekt seiner Identität – deshalb muss sie allem und jedem zum Trotz verteidigt werden.

Zur Unterstützung seiner Theorie beschreibt Kahan ein Experiment, das er 2011 mit seinen Kollegen durchgeführt hat. In diesem Experiment wurden die Teilnehmer mit dem Standpunkt eines „Experten“ zu einem in der amerikanischen Gesellschaft spaltenden Thema konfrontiert: Klimawandel. Der Experte konnte zwei verschiedene Analysen des Klimawandels geben: (1) es gibt einen wissenschaftlichen Konsens zur globalen Erwärmung; (2) es ist verfrüht und übertrieben zu behaupten, dass es einen wissenschaftlichen Konsens in dieser Frage gibt. Die Ergebnisse sind eindeutig: je konservativer und republikanischer (im amerikanischen Sinne des Wortes) die Teilnehmer sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie den Experten mit dem ersten Standpunkt disqualifizieren. Im Gegenteil neigen diese konservativen Teilnehmer dazu zu behaupten, dass die Person mit der zweiten Analyse tatsächlich ein Klimaexperte ist. Wenn liberale (noch im amerikanischen Sinne) Teilnehmer den Experten auf der Grundlage seiner Rede bewerten, stehen die gegebenen Antworten fast symmetrisch im Gegensatz zu denen der Konservativen. Die Individuen würden also eher ein ideologisches als ein faktisches Verhältnis zur wissenschaftlichen Expertise haben.

Kahan zeigt auch, dass die Wahrnehmung des Klimastörungsrisikos vom kognitiven Hintergrund der Teilnehmer beeinflusst wird, allerdings auf eine Art, die paradox erscheinen kann: Je mehr wissenschaftliche Kenntnisse die Teilnehmer haben, desto mehr gehen ihre Meinungen über die globale Erwärmung ins Extreme ihrer parteiischen Ausrichtung. So sind die Demokraten mit guten wissenschaftlichen Kenntnissen die Teilnehmer, die in der Klimastörung das größte Risiko sehen. Im Gegensatz dazu sind die Republikaner mit einem besseren wissenschaftlichen Hintergrund als andere diejenigen, die die globale Erwärmung am meistens für ein geringes Risiko halten.

Kahan behauptet, dass diese Ergebnisse nur dann überraschend sind, wenn wir davon ausgehen, dass wir unseren Verstand benutzen, um die Wahrheit über umstrittene Fragen zu suchen. Dieses Postulat ist aber, seiner Meinung nach, falsch. In der Tat würden wir vor allem unsere Denkfähigkeiten in den Dienst der Verteidigung von Meinungen stellen, mit denen wir tief verbunden sind.

Kahan analysiert die Ergebnisse einer anderen Studie von Allcott und Gentzkow (die wir auf dieser Website zusammengefasst haben) in Anbetracht seiner Theorie der Denkfähigkeit in den Dienst der Verteidigung der Meinungen unserer Kulturgruppe. In dieser Studie berichten die beiden Autoren über das Auftauchen und den Erfolg von Fachmedien bei der Verbreitung von Fake News durch den Appetit der Verbraucher auf Informationen, die ihren Meinungen entsprechen, unabhängig von ihrem Wahrheitswert. Für Kahan wird das Online-Medienumfeld also um ein „motiviertes Publikum“ organisiert: Individuen sind an Informationen interessiert, die in die Richtung von dem, was sie für gut halten, gehen, und opportunistische Medien geben ihnen unter Missachtung der journalistischen Ethik das, was sie hören wollen. Es bedeutet auch, dass gefälschte Nachrichten nichts in der Meinung der Menschen ändern. Zum Beispiel hatten die Personen, die pro-republikanische Fake News in der Studie von Allcott und Gentzkow verbraucht haben, wahrscheinlich bereits ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2016 ausgewählt.

Diese Instrumentalisierung von Wissenschaft und Information zu Gunsten der Ideologie könnte diejenigen entmutigen, die glauben, dass Wissenschaft die Meinung zu mehr Objektivität führen kann. Kahan teilt diese Ansicht nicht. Er plädiert eher für einen grundlegenden Wandel in der Wissenschaftskommunikation. Wenn die Debatte heute so polarisiert wird, ist es, der Theorie der kulturellen Verteidigung nach, weil bestimmte Themen wichtige Fragen für klar festgelegte ideologische Positionen darstellen. Daher meint Kahan, dass die Wissenschaftskommunikation entpolitisiert werden sollte, damit sie von den verschiedenen Gruppen der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr als eine Bedrohung angesehen wird. In einem zweiten Artikel schlägt er also eine Wissenschaftskommunikationsmethode vor, um die objektiven Aspekte der wissenschaftlichen Ergebnisse vorzustellen, ohne dass diese Ergebnisse die Identität einer kulturellen Gruppe öffentlich infrage stellen.

Zum Schluss weisen wir darauf hin, dass eine Reihe von Artikeln die Relevanz von Kahans These über Fake News infrage stellen. Diese Artikel behaupten, dass die Leichtgläubigkeit angesichts gefälschter Nachrichten unabhängig von der Ideologie ist und eher auf gut identifizierte kognitive Mechanismen zurückzuführen ist.

Ressourcen  

Artikel 1

Artikel 2

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